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"Wir müssen Fehler umarmen"
- Im Fokus der
NEW WORK EXPERIENCE

Verena Krakau, Daniel Gal und Jens Ihle im Gespräch
Verena Krakau, Daniel Gal und Jens Ihle im Gespräch

"Wir müssen Fehler umarmen" - Verena Krakau und Daniel Gal zu Gast bei der NWXnow

Am 8. Oktober feierte das Regionalmanagement Mittelhessen den Auftakt der Videocast Reihe NWXnow (New Work Experience) (wir berichteten über das Format). Für die erste Ausgabe bat Gastgeber Jens Ihle die preisgekrönte Gießener Gründerin Verena Krakau und den innovativen Hungener Digitalunternehmer Daniel Gal zum Gespräch.

Zu Beginn präsentierte Jens Ihle die jüngsten Ergebnisse der Umfrage des Deutschen Startup Monitors. Zwar konnte der Anteil an Gründerinnen im Vergleich zum Vorjahr leicht gesteigert werden, mit 15,9% bilden Frauen aber immer noch die Ausnahme in der Gründungs Landschaft. Die Gäste waren sich einig, dass zunächst das Problem gelöst werden müsse, dass insgesamt zu wenig Menschen den Schritt in die eigene Gründung wagen. Während Daniel Gal eingestand, dass der Mut sicherlich auch ein Stückweit in der eigenen DNA verankert sein müsse, argumentierte Verena Krakau, dass man nicht zwingend ein ausgeprägtes Unternehmertum Bewusstsein zu Beginn braucht. Entscheidend für die ersten Schritte ist ein praxis- und lösungsorientiertes Mindset.

Beide waren sich jedoch einig, dass die Schulbildung perspektivisch eine entscheidende Rolle spielt, um die Quote aus neuen Unternehmer_innen zu steigern. Daniel Gal griff sogar den Ansatz auf, eine Art freiwilliges Gründungsjahr äquivalent zu dem bestehenden Freiwilligen Sozialen Jahr anzubieten. Rückblickend auf den niedrigen Anteil an Gründerinnen argumentierte Verena gegen die verbreitete These, dass es zu wenig weibliche Vorbilder in der Startup Szene gibt. Zwar seien diese tatsächlich seltener als Männer, es spräche jedoch auch nicht dagegen sich als Entrepreneurin ein maskulines Vorbild zu suchen. Wichtig wäre zunächst die subjektiv oft zu hoch angesetzte Risikoaversion einer eigenen Gründung zu korrigieren.

Anschließend längte Jens Ihle das Gespräch auf die Produkte der beiden Gäste. Absolute Dominanz für den Erfolg ist es das eigene Produkt an den Kunden zu bringen. Kein einfaches Unterfangen in einer Pandemiegeschwächten Volkswirtschaft. Worin besteht also der „Gamechanger“ der beiden Produkte, die sie für den Markt alternativlos machen?

Cognilize ist eine Virtual Reality Trainingssimulation, die es Sportler_innen ermöglicht ihre Perfomance auf ein neues Level zu heben. Trotz körperlicher Müdigkeit, können die Spieler_innen also mit den VR Brillen weiter an ihren kognitiven Fähigkeiten arbeiten. Die Antizipation von Spielsituationen entscheidet im Zweifel über Sieg oder Niederlage. Ein Fussballspieler schafft in der Spitze Geschwindigkeiten von 35km/h. Eine Reduzierung der Entscheidungsgeschwindigkeit von 0,5 Sekunden gibt ihm im Zweifel einen Raumgewinn von 5 Metern, führte Verena aus. Auf dem Markt gäbe es viele Innovationen, die die Trainer_innen unterstützen. Die Spieler_innen werden gläsern, profitieren jedoch nur selten von ihrer Überwachung, dabei sollte auf ihnen der Fokus liegen.

Im Vertrieb weist Cognilize bereits Erfolge auf. Pilotprojekte im Collage Football und im Profifussball laufen bereits. „Viele Vereine wollen mit uns arbeiten. Die Umsetzung geht jedoch einher mit einer echten Disruption im Trainingsalltag. Die Implementierung ist schwierig. Insebsondere auf dem deutschen Markt beobachten wir eine konservative Haltung. Bei amerikanischen Teams stellen wir wesentlich geringe Hürden in der Umsetzung fest“, erläutert Verena. Sie ergänzt: Corona sei hinderlich und förderlich zugleich. Auf der einen Seite Reduzieren die Teams Ihr Investmentbudget erheblich. Auf der anderen Seite gibt die Pandemie den Clubs Luft sich mit der neuen Technologie zu beschäftigen.

Daniel Gal wurde von der Corona Pandemie für sein Produkt „accioca“ (Arbeitstitel) inspiriert. Die Mobile Lösung soll den regionalen Einzelhandel unterstützen. Er erklärt es an einem Beispiel:
„Stellt euch vor ihr braucht kurzfristig ein weißes Hemd. Mit unserer App stellt ihr quasi ein Inserat „Suche weißes Hemd, Marke Olymp, Größe x““. Ein Call geht raus an alle Einzelhändler in einem bestimmten Umkreis, die Hemden führen. Der Verkäufer sieht was der Kunde sucht. Er kann den Anruf annehmen und wird per Videochat mit dem potenziellen Käufer verbunden.“ Durch die Berücksichtigung geographischer Daten, könne der Kunde das Produkt schneller bekommen, als bei einem Onlinehändler und unterstützt zudem noch die regionale Wirtschaft. Eine Win-Win Situation.

Die Vision: Mit accioca sollen 10% des weltweiten Onlinehandels zurück in die Regionen geholt werden. Wichtig für den Erfolg des Produkts sei es, dass der Einzelhandel sich insbesondere mit den Kunden auseinandersetzt, die aktuell NICHT in den Laden kommen, statt sich auf der Stammkundschaft auszuruhen. „Man bewegt sich immer erst dann, wenn es wehtut. Der Einzelhandel leidet unter den Onlineriesen, der Druck steigt. Das Umdenken setzt grade ein“, so Daniel. „Der regionale Bezug ist die stärke des Einzelhandels. Langfristig ist es zwecklos das ganze Geschäft auf Onlinehandel zu transferieren. Hier greift das Highländerprinzip: Es kann nur einer gewinnen. Jeder Onlinehändler findet sich früher oder später in Konkurrenz mit amazon.“

Den Abschluss des Talks bildete die Frage, wie die beiden Gäste es schaffen Ihr eigenes Team mit ihrer Passion anzustecken.

Daniel gibt seinen Mitarbeitern vor allem viel Freiraum, wenn es um das Antesten von neuen Ideen geht. „Bei neuen, kreativen Ideen gilt bei uns ganz klar der Grundsatz "Quantität vor Qualität". Grade wenn es um das Testen neuer Prozesse oder Produktideen gibt, ist bei uns alles erlaubt. So wird vor allem die Selbstständigkeit der Mitarbeiter gefördert“. Das interne Wertesystem und die gegenseitigen Feedback Gespräche stärken den Zusammenhalt.

Zustimmend bestätigt Verena, dass die Selbstständigkeit der Mitarbeiter_innen ein entscheidender Faktor ist. „Das schlimmste ist ein Arbeitsklima, in dem das Team angst vor Fehlern bekommt. Sie sollen Fehler machen. Wir müssen Fehler umarmen. Nur so kommen wir weiter in der Entwicklung. Offene Kommunikation, kreativer Freiraum und Fehlertoleranz sind das höchste Gut“.

Auf die abschließende Frage, warum die beiden sich für eine Unternehmensgründung in Mittelhessen entscheiden haben, schätzten beide die zentrale Lage und die damit verbundenen kurzen Reisewege innerhalb Deutschlands. Auch die überdurchschnittliche Netzwerkqualität und der große Pool an Studierenden machen Mittelhessen besonders attraktiv.

Nachtrag: Der komplette Mitschnitt des Livetalks kann auf dem Youtbue Kanal von XING unter folgendem Link angeschaut werden: https://www.youtube.com/watch?v=54LOoEKCrSc&ab_channel=XING